Von Gunsleben um die Welt

 

Von Jens-Holm Bruns

 

Ich wollte schon immer auf einem großen Schiff um die Welt fahren. Wann es mit diesem, für einen Dorfjungen, der in Gunsleben am Großen Bruch geboren wurde und seine Kindheit dort verbrachte, ungewöhnlichen Wunsch begann, kann ich heute nicht mehr sagen. Es muss jedenfalls sehr früh gewesen sein.

Ob es die Wasserspiele auf dem Dorfteich oder die am aufgestauten Beek oder die ersten Schwimmversuche in der Lehmkuhle und im Großen Graben waren, lässt sich nicht mehr genau sagen. Es könnten aber auch die vielen Abenteuer- und Piratenbücher, die zu jeder Festlichkeit auf dem Gabentisch lagen, auch wenn es unserer Mutter mit den Ausgaben dafür noch so schwer fiel. Einfluss könnte auch ein Ferienlager in Rerik an der Ostsee mit Kutterfahrt und Badesport gehabt haben. Ein Aufenthalt bei meiner Oma in Hamburg hat den schon festen Wunsch, zur See zu fahren, nur noch vertieft und konkretisiert: Ich wollte Kapitän auf einem Überseeschiff werden.

Aber zuerst musste die Schulzeit, die mit der Einschulung in Gunsleben begann und bis zum Abschluss der 8. Klasse in Wackersleben mit unterschiedlichen Ergebnissen fortgeführt wurde, ein Ende finden. Um die Polytechnische Oberschule abzuschließen, war aber der Schulbesuch bis zur 10. Klasse notwendig.

In dieser Zeit gab es schon viele schöne und unvergessliche Erlebnisse und Ereignisse. Fußball war z.B. meine Leidenschaft. Es wurde gebolzt, wo auch immer, wenn denn ein Ball oder Ähnliches zur Verfügung stand. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit, in der es in Gunsleben keinen offiziellen Fußball gab, wir aber trotzdem als Schülermannschaft am regulären Spielbetrieb teilnahmen. Bernd Junge - „Ningel“ – war der große Organisator und sorgte für ordnungsgemäße Planung. Ich, da ich durch mein Geburtsdatum noch nach‘ der 8. Klasse spielberechtigt war, fungierte als Garant für die Eltern der jüngeren Mitspieler, denn wir mussten zu Punktspielen mit dem Fahrrad über Land fahren. Nach Oschersleben zur Kreismeisterschaft im Hallenfußball fuhren wir mit der Eisenbahn. Da saß die Truppe einmal schon im abfahrbereiten Zug und der Mannschaftskapitän „Holmi“ fehlte noch. „Ningel“ sorgte mit Gespräch und Bitten dafür, dass der Zug nicht abfuhr. Nachdem ich dann von den Ausschau haltenden Mitspielern wild strampelnd, von Aderstedt kommend, auf meinem Fahrrad entdeckt wurde, konnte der Zug zur Abfahrt mit einem Dankeschön freigegeben werden. Groß war die Freude natürlich, als wir am Abend mit einem 2. Platz in unser Heimatdorf zurückkamen.

Den Berufswunsch, Kapitän zu werden, hatte ich trotz meiner Fußballverrücktheit zu keinem Zeitpunkt aus den Augen verloren. Vor Abschluss der 8. Klasse habe ich mich bei dem VEB (Volkseigener Betrieb) Deutsche Seereederei Rostock als Vollmatrtosenlehrling beworben. Bei der Beschaffung der Informationen und bei der Formulierung der Bewerbung war mir mein Bruder Heiko, der es ja schon zum Dorfschullehrer in Hötensleben gebracht hatte, eine große Hilfe.

Mit der Begründung, dass ab 1958 nur noch Bewerber mit Abschluss der Mittelschule (10. Klasse der Polytechnischen Oberschule) in Betracht kämen, wurde ich zu meinem großen Bedauern abgelehnt. Also: Weiter die Schulbank drücken. Damit auch nichts daneben geht, verzichtete ich auf die Mittelschule in Hamersleben und besuchte die Internatsschule in Badersleben im Kreis Halberstadt. Nach der 9. Klasse: erneute Bewerbung und eine Einladung zum Gespräch nach Magdeburg. Kritische Fragen zum Zensurenspiegel. Eine „drei“ in Russisch wäre nicht akzeptabel, wurde mir dabei nahegelegt. Nachdem Besserung versprochen war, nahm ein Mitarbeiter der Reederei Kopfmaß und Konfektionsgröße für die spätere Uniform auf. Später kam ein Gesundheits-Check (Seetauglichkeitsprüfung) in Halberstadt dazu. Und nun begann das Warten auf Antwort von der DSR. Gedanken, wie was wird, wenn nicht, tauchten zwar hin und wieder auf, beherrschten mich aber nicht vordringlich.

Ich hatte ja in der Zwischenzeit weiter Fußball in der Jugendmannschaft Badersleben gespielt und bekam auch ein Angebot für eine Trainingsgruppe mit Berufsausbildung in Halberstadt mit Weiterführung zum FC Magdeburg. Darüber habe ich aber so gut wie keinen Gedanken verschwendet. Ich wollte zur See und Kapitän werden. Als die Nachricht kam, dass ich als einer von über 1000 Bewerbern angenommen war, gab es Grund zur Freude im gesamten Umfeld, vielleicht nicht im gesamten? Nach Abschluss der 10. Klasse (natürlich mit korrigiertem Notenspiegel), kamen die letzten Sommerferien und eine letzte Klassenfahrt als Ende meines Landlebens.

 

Es ging zur Sache. Im August kam der erste Einsatz-Abruf, es sollten noch viele folgen. Mit großem Koffer und Null Ahnung ging es nach Rostock-Stadthafen – Eschenbrücken. Mit Hilfe netter Einwohner und der Straßenbahn fand ich auch den Kabutzenhof. In der Nähe sah ich dann auch noch mehrere Jungs, die sich mit großem Gepäck und meistens in Begleitung ihrer Eltern dem Stadthafen näherten. Dann sah ich das vertäute Schulschiff MS „Theodor Körner“ zum ersten Mal und musste doch kräftig schlucken. Ich hatte in Hamburg schon große Schiffe gesehen, aber hier sollte ich aufsteigen und Seemann werden. Ich war meinem Ziel etwas näher gekommen, ich wollte ja Kapitän werden. Die steile Treppe (Gangway) mit Koffer hinauf war schon nicht einfach. An Deck stand dann jemand, der mit allen Mitteln versuchte, uns in letzter Minute die Seefahrt auszureden, indem er brüllte und so unverständliche Befehle an uns weitergab wie Steuerbord, Backbord, achtern, Niedergang A-Deck, B-Deck usw. Dass wir letztendlich doch alle dort ankamen, war den freundlichen Helfern von der Besatzung zu verdanken. Aber abgeschreckt? Niemals, ich wollte Kapitän werden.

Zwei Jahre auf dem Schulschiff, enge Kammern, viel Wetter und Seegang, wir waren 100 junge Leute, die unbedingt zur See fahren wollten, davon 50 im zweiten Lehrjahr und 50 im ersten. Nicht alle waren nach der ersten Reise der Meinung, dass dieser Beruf der schönste ist und blieben an Land. Das erste Jahr in der Levante (Mittelmeer) und Weihnachten in Alexandria, ungewohnt und neu. Es sollte nicht das letzte Weihnachten in fremden Häfen oder auf See gewesen sein. Regelmäßig wurden die Häfen Latakia, Beirut und Alexandria, beladen mit Kali aus Wismar, Stückgütern und lebendem Vieh (Schafe, Kühe, Pferde), angelaufen. Zurück über Schwarzmeerhäfen Cherson, Odessa und Novorisk mit Getreide für Westeuropa. Im 2. Lehrjahr haben wir die westafrikanische Küste von Marokko bis Nigeria bedient. Auch während dieser Zeit war Fußball fester Bestandteil meiner Freizeit. An Bord konnte trainiert werden, im Hafen gegen andere Schiffbesatzungen oder eine Studentenauswahl gespielt, auch gegen die englische Polizei (Bobby) und viele andere.

 

 

Nach zwei Jahren haben wir die Prüfung zum Vollmatrosen bestanden. Wir hatten gelernt zu spleißen, zu nähen, zu konservieren, zu malern und vieles mehr. Dazu gehörte auch deftiges „reinschiff“ vom WC bis zu Bilgen (Auffangsgräben im Schiffsboden, in denen alles Flüssige aufgefangen wurde). Wir haben auch gelernt, Getreideschotten zu bauen und für die eigene und für die Sicherheit des Schiffes zu sorgen. Rudergehen, Ausguckhalten und Raum- und Ankerwache gehörte ebenfalls ins Lernprogramm. Alles war wichtig auf dem Weg zum ersehnten Ziel. Nach dem Erhalt des Facharbeiterzeugnisses wurde ich auf M/S Poel, einem 840 Kümo (Küstenmotorschiff) mit Fahrtbereich Nord-Ostsee, angemustert. Hier verbrachte ich zwei Jahre, natürlich mit regel- mitunter auch unregelmäßigem Urlaub.

 Eine Aufnahmeprüfung an der Seefahrtsschule Wustrow habe ich 1964 leider nicht bestanden. So entschied ich mich bis zur nächsten Aufnahmeprüfung als Lehrbootsmann/Ausbilder Praxis zu fahren. Auf den Lehrschiffen „Heinrich Heine“ und „Johann Gottlieb Fichte“ wurden Liniendienste nach Mittelamerika und später wieder Mittelmeer bedient. Unvergessen auch viele interessante Fußballspiele in Kuba, Mexiko, Antwerpen und England. Hier war ich wieder Kapitän, aber ich wollte ja mehr. Ernteeinsätze in Kubas Zuckerrohrplantagen waren ebenfalls unvergessliche Erlebnisse wie Badespaß an Kubas Stränden oder der Besuch der Tanzshow in Faradejo.

 

 

1967 Studiumbeginn: Für AS Steuermann auf „Großer Fahrt“ mit Abschluss 1969. Danach 3. und 2. Offizier auf verschiedenen Schiffen und Fahrtgebieten. Es war eine schöne und abwechslungsreiche Zeit mit immer neuen Schiffen, Häfen und Menschen. Auch während dieser Zeit habe ich mein Ziel nicht aus den Augen verloren. Die letzte Etappe musste in Angriff genommen werden, d.h. Aufbaulehrgang Seefahrtsschule zum Kapitänspatent A 6. Die Seefahrtsschule war inzwischen Fachhochschule geworden, und ich wurde Student in Warnemünde

Ich hatte in der Zwischenzeit eine Familie gegründet und sah die Seefahrt mit etwas anderen Augen. Aber aufhören, das war niemals eine Option für mich, zumal meine Frau nichts an dem Beruf auszusetzen hatte, obwohl es erwiesener Maßen niemals leicht für eine Seemannsfrau mit oder ohne Kind war.
Nach dem Erhalt des Kapitänspatents auf Großer Fahrt konnte nun die letzte Etappe in Angriff genommen werden. Das brauchte Erfahrung, Fahrenszeit und gute Umstände. Nach einem Schiffsuntergang vor den Lofoten mit einem Holzfrachter ohne Personenschaden verzögerte sich meine Berufung zum Kapitän, da die Seeamtsverhandlungen erst abgeschlossen werden mussten. 1984 war es dann so weit, meine Bemühungen und meine Beharrlichkeit hatten sich gelohnt, ich war Kapitän auf großer Fahrt.